Eduardo RUSJAN
Trieste 6.7.1886 - Belgrad 9.1.1911

 
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Eduardo Rusjan wurde am 6. Juli 1886 in Triest geboren, wohin sein Vater Franz, Gorizianer von Slowenien, aus beruflichen Gründen umgesiedelt war. Seine Mutter stammte aus Medea, Friaul. Zur damaligen Zeit existierte Slowenien noch nicht. Die Region gehörte zum ungarischen Teil von Oesterreich.

 

 
Die Mutter Grazia Cabas
Die Eltern Franc Rusjan und Grazia Cabas

 
Nach seiner Rückkehr nach Gorizia gründete der Familienvater mit seinen zahlreichen Nachkommen eine neue Werkstatt für die Produktion von Holzfässern. Eduardo Rusjan widmete sich ausserdem dem Radsport, diesem Symbol des Beginns des neuen Jahrhunderts. Die Leidenschaft für die Fliegerei wurde 1905 in ihm geweckt, als er neugierig alle verfügbaren Informationen darüber studierte und Neuigkeiten verfolgte.

1908 nutzte er die Tischlerei der Familie, um mit seinem Bruder Giuseppe (Pepi) ein Segelflugzeug zu konstruieren. Es bestand aus Bambusstöcken und Karton und wurde ironisch “Karton-Falle“ getauft. An die Wand schrieben die Brüder “Fabrik für Flugzeugtechnik Rusjan“.


 
Die "Karton-Falle". Dieses grosse Modell ist das erste einer umfangreichen Serie, noch ohne Motor. An der Wand steht geschrieben: "FABRIK FÜR FLUGZEUGTECHNIK RUSJAN" (1908)

 
Eduardo Rusjan während der Arbeit an der via della Cappella Nr. 8 in Gorizia (1909)

 
Giuseppe und Eduardo beim Auswechseln eines Propellers an der EDA I (1909)

 
Der Bruder Giuseppe, von Beruf Mechaniker

 
Eduardo wurde bewusst, dass er mit Motoren mehr erreichen konnte. Am 8. und 9. September 1909 nahm er an einer Zusammenkunft von Flugpionieren in Montichiari nahe Brescia  teil. Dort erwarb er einen Motor französischen Fabrikats, einen Vorgänger des 25 HP, mit dem Louis Blériot vier Monate zuvor den Ärmelkanal überflogen hatte. Dies würde der Motor von sieben selbst erbauten Flugzeugen werden.

1909 war ein wichtiges Jahr für die Fliegereigeschichte. In der Flug-Praxis eröffneten sich neue Möglichkeiten. Aktuelle Experimente wurden durch Preise und Wettbewerbe bekannt gemacht. Nach dem ersten Flug der Wright-Brüder, die als erste einige der Stabilitätsprobleme sowie Längen- und Breiten-Fragen lösen konnten, begann ein weltweites Wetteifern um Höhen- und Weiten-Rekorde. In dieser fieberhaften Atmosphäre fand die Experimentierphase der Rusjan-Brüder statt.


 
Dieses Flugzeug ist der Prototyp der EDA I. Es hat ein Ruder vorne und eines hinten. In der Folge wird das vordere Ruder entfernt. (1909)

 
Ihre EDA I, ein Doppeldecker von 12 Metern Länge und 8 Metern Flügelspannweite flog am 25. November 1909 zum ersten Mal. Es schaffte eine Distanz von 60 Metern mit einer konstanten Höhe von 2 Metern über Ackern in der ländlichen Umgebung, der Campagnuzza. Einige Tage später, am 29. November, schafften sie eine Distanz von 600 Metern.

 
EDA I. Im Jahr 1909 wird der erste gelungene Flug über der Landschaft (Campagnuzza) verwirklicht. Bei den ersten Versuchen erreicht es 2 Meter Höhe und fliegt 60 Meter weit, aber wenige Tage später erreicht es schon 12 Meter Höhe und fliegt 600 Meter weit.  Alle Flugzeuge, welche in der Folge konstruiert wurden, starteten von der weiteren Landschaft bei Merna, wo die Brüder eine Werkstatt gemietet haben, um näher am Ort der Versuche zu sein.

 
Dies mag angesichts der in den USA und in Frankreich bereits erreichten Resultate als kleine Sache erscheinen, doch gilt es zu bedenken, dass die Rusjan-Brüder, die zugleich als Projektleiter, Konstrukteure und Piloten fungierten, keinen Zugang zu Patenten hatten wie die Wright-Brüder und auch nicht über die finanziellen Mittel eines Blériot verfügten. 

 
Als gegen Ende des Jahres 1909 das zweite Flugzeug der Brüder Rusjan konstruiert wird, versammeln sich ringsherum Eduardo (Edi) (mit angewinkeltem Knie), Giuseppe (Pepi) (genz rechts aussen), Luisa (Gigia) (auf dem Flugzeug), die grosse Schwester Anita und das Brüderchen Antonio (Tunin) (bei den Schultern von Eduardo). Ganz links aussen die Eltern Franc und Grazia

 
EDA II. Dieser Dreidecker mit dem Motor hinten stellt eine der vielen Varianten im Verbesserungsprozess der Stabilität dar. (1909)

 
Vier Tage später, in einer zweiten Serie von Tests, erreichten sie 12 Meter Höhe.
Der Dreidecker EDA II besass Ruder an den Flügeln und der Motor befand sich hinten. Die Flugzeuge EDA III und wahrscheinlich auch EDA IV waren Doppeldecker, entwickelt aus der EDA I. Sukzessive begannen die Brüder auch Eindeckflugzeuge zu konstruieren. Der Flug der EDA II endete mit einem Sturz und der Zerstörung des Flugzeuges. Eduardo blieb unverletzt.

 
Die EDA II zerschellt am Boden. Glücklicherweise bleibt Eduardo unverletzt und lässt sich verewigen (1910)

 
Eine der Schwestern, Luisa, begleitete die Brüder jeweils zu den Versuchen und übernahm das Annähen des Leinen an die Flügel der Flugzeuge.

 
Die Schwester Luisa (Gigia) hilft den Brüdern und näht das Leinen an die Flügel des Flugzeuges. 

 
Die Brüder Rusjan stürzten sich in frenetische Aktivität. In den ersten 6 Monaten des Jahres 1910 konstruierten sie weitere 6 Flugzeuge, immer unter Verwendung des gleichen Motors. 

 
Das Fahrgestell eines Eindeckers
 EDA III, Doppeldecker

 
Sie verlegten ausserdem ihre Werkstatt aus dem Hof des Hauses an der Via della Cappella 8 in einen Schuppen bei Merna, näher bei den Ackern, die sie für ihre Probeflüge sowie für öffentliche Vorführungen benutzten. Auf diesen Ackern wurde ein paar Jahre später auch der Flughafen von Gorizia erbaut. Mit der EDA V und der EDA VII, dem letzen Flugzeug dieser Reihe, übertrafen sie alle anderen Flugversuche.
Nachdem sie damit einige vielversprechende Flüge unternommen hatten, stellte sich Eduardo am 28. März 1910 in einer ersten Flugveranstaltung auf die Probe.

 
EDA V. Dieser Eindecker vollführt den gelungensten Flug. Im Jahr 2000 wurde dieses Modell rekonstruiert und in Aidussina (Slowenien) vom Konstrukteur und Piloten Emil Novak geflogen. 

 
Am 29. Juni 1910 nahm Eduardo mit der EDA IV an der 2. Flugschau teil, an der auch die beiden Piloten von Klagenfurt, der Slowene Zablatnic und der deutsche Heim mit zwei Flugzeugen der Wright Serie partizipierten.

 
EDA VI am Himmel über der Landschaft bei Merna in einer Höhe von 40 m. Einer der gelungensten Flüge der Brüder Rusjan

 
Die EDA VI hob sich in einem seiner Flüge auf 40 Meter Höhe und vollführte eine Tour über die Landschaft von Medea. Es handelte sich um den erfolgreichsten Flug von Eduardo Rusjan in Gorizia.
Die EDA VII war erneut ein Doppeldecker, mit kürzeren Innen-Flügeln. Die Rusjan-Brüder schöpften im Sommer 1910 sämtliche finanziellen Möglichkeiten aus, die ihnen zur Verfügung standen. Sie wandten alle ihre Ersparnisse und die des Vaters Franz für ihre Konstruktionen auf. Sie fragten Frankreich, Oesterreich und Ungarn um Unterstützung an, jedoch mit wenig Erfolg.

 
EDA VII, ein Doppeldecker mit einem kürzeren Innen-Flügel (1910)

 
Im August 1910, an einem regulären Wettbewerb, schlug ein Industrieller aus Zagreb, Mihajlo Mercep, den Rusjans vor, sich zusammentun. Die beiden Brüder zogen in der Folge mit Mut und Enthusiasmus im Gepäck nach Zagreb um. Ihr Traum einer kommerziellen Flugzeugfabrik schien näher und realistischer denn je…

 
Die Werkstatt in Zagreb. Die Brüder konstruieren das erste Flugzeug Merćep-Rusjan (1910)

 
Eduardo und Giuseppe bei der Arbeit in Zagreb. Ihre Träume sind nicht mehr so unrealistisch, jetzt haben sie alle nötigen Materialien und eine grosse Werkhalle zur Verfügung

 
Das erste Flugzeug, welches in der Werkhalle in Zagreb konstruiert wurde (1910). Es hebt nach nur 28 m ab (Weltrekord), erreicht eine Höhe von 400 m und landet innerhalb 60-70 m (November 1910)

 
 
Eduardo vor einem Schauflug. Hinter dem Flugzeug eine Ehrengarde (Zagreb, November 1910)

 
 
Der Prototyp “Sokol”, realisiert in Zagreb (1910)

 
Im September 1910 begannen die Rusjan-Brüder in Zagreb mit der Produktion von Flugzeugen für den Verkauf. Der Prototyp hatte einen Motor namens “Gnome“ mit 50 HP und stand Mitte November bereit. Er hob nach 28 Metern ab, was bereits einen neuen Rekord bedeutete. Es wurde ein Werbe-Rundflug über die Balkan Halbinsel organisiert. Eine Flugschau in Zagreb folgte und dann am 8. Januar 1911, eine weitere in Belgrad.

An jenem Tag wehte ein starker Nordwind und die Flugschau wurde abgesagt. Einen Tag später waren die klimatischen Bedingungen unverändert, doch Eduardo Rusjan wollte das herbeigeeilte dicht gedrängte Publikum nicht enttäuschen. Er flog los und präsentierte sich in mehreren Überflügen der begeisterten Menge, bis plötzlich ein Windstoss einen Flügel des Flugzeuges erfasste und ihn zerbrach. 
Unterhalb der Festungsmauer von Kalemegdan, wo die Flüsse Sava und Danubio zusammenfliessen, stürzte das Flugzeug ab und riss den Piloten mit sich in den Tod.


 
Der Sturz auf die Festungsmauer von Kalemegdan in Belgrad. Ein Fotograf, der den Flug von Eduardo verewigen will, erwischt genau den Moment, als der linke Flügel vom Wind zerbrochen wird. (9. Januar 1911)

 
Die Trümmer des Flugzeuges am Rande der Eisenbahnlinie unterhalb der Festungsmauer von Kalemegdan (Belgrad). Eduardo stirbt während des Transports ins Krankenhaus

 
Das Ereignis löste tiefe Bestürzung aus und beim Begräbnis folgte eine grosse Menschenmenge dem Sarg Eduardo Rusjans .

 
 
Die Abdankung von Eduardo in Belgrad (Januar 1911) unter Beisein einer grossen Menschenmenge

 
In der Wochenzeitung “Goriziano Primorski list“ vom 12. Januar 1911, Jahrgang XIX, Nr. 2 (einer Zeitung für die slowenische Bevölkerung der Küstenregion, welche jeden Donnerstag um 15 Uhr erschien), stand auf Seite zwei und drei:

Unser Bürger, der Pilot Rusjan, Opfer eines Unfalls

Am Montag gegen Abend schlug die schreckliche Nachricht, welche die Eltern von Rusjan per Telegramm aus Belgrad erhalten hatten, wie ein Blitz in unserer Stadt ein. Ihr Sohn Eduardo war während eines Fluges in Belgrad Opfer eines Unfalls geworden und beim Absturz verstorben. Diese Nachricht hat alle die ihn kannten, unabhängig von ihrer Nationalität, tief erschüttert. Andere Telegramme bestätigen die Nachricht. In einem steht:

“Am Montag hat der Pilot Rusjan einen Testflug an der Befestigungsmauer von Belgrad unternommen, wobei er aus einer Höhe von 20 Metern auf die Stadtmauer hinabgestürzt und einige Minuten später seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Rusjan hat den Flug mit dem eigens erbauten Eindeck-Flugzeug trotz starken Windes unternommen. Er überquerte die Sava und flog mit Erfolg von der Befestigungsmauer von Belgrad bis zur 1km entfernten Eisenbahnbrücke. Während des Wendemanövers zum Rückflug hat ein starker Windstoss das Flugzeug erfasst und zu Boden gerissen. Rusjan, der im letzten und im vorangegangenen Jahr bekanntlich in Gorizia wohnte, hat zahlreiche Versuche unternommen, um sich mit dem eigenen Flugzeug in die Lüfte zu erheben. Nach seinem Umzug nach Zagreb konstruierte er zusammen mit dem Kroaten Mercep weitere Flugzeuge. Erste Erfolge belohnten seine Bemühungen. In Zagreb konnte er mit seinen Flügen grosse Triumphe feiern. Er hatte er geplant, anschliessend in Belgrad, Sofia und Konstantinopel zu fliegen, doch es war ihm nicht vergönnt, die Tournee zu realisieren. Das Schicksal wollte, dass er schon in der ersten dieser Städte sein junges Leben lassen musste.“
 

“Gestern Vormittag fand das Begräbnis des Piloten Rusjan statt, der am 9. dieses Monats Opfer eines Unfalls in Belgrad geworden war. Eine enorme Menschenmenge nahm am Begräbnis teil. Der König Peter (Pietro) überbrachte, der Familie des Opfers seine Beileidsbekundung, vertreten von einem seiner Repräsentanten. Der Fürst Jurij (Giorgio) legte auf der Bahre einen Kranz nieder. Die Bürgermeister von Belgrad beschlossen, beim Grab des Flugpioniers ein Denkmahl aufstellen zu lassen.“

In der gleichen Ausgabe der Zeitung folgte eine kurze Notiz, in der der Verlust dreier Piloten der Gemeinde beklagt wurde, welche die Gorizianer während des vorangegangenen Sommers so bewundert hatten. Die Kärntner Zablatnik (der die Gorizianerin Ana Rys Ferlan, “die erste österreichische Touristin der Luft“ flog) und Heim, welche beide schwere Unfälle mit den Flugzeugen erlitten. Für Heim war ein Sturz aus der Höhe von 200 Metern tödlich gewesen. Das dritte Opfer war “unser Rusjan“. 
Der Artikel schloss “Alle drei wurden Opfer desselben Unfall-Hergangs. Wer hätte das voraussehen können?“


 
Ein österreichisch-ungarischer Offizier beim Grab auf dem Friedhof in Belgrad (1915)

 
Giuseppe, der Bruder, der nie fliegen wollte, konstruierte in der Folge drei weitere Flugzeuge im Atelier in Zagreb, doch emigrierte er zwei Jahre später nach Argentinien. Für ihn war das Zeitalter der Technik damit abgeschlossen.

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Für die meisten von uns sind Stippvisiten nach Slowenien eine gut verwurzelte Angewohnheit.
Das am häufigsten aufgesuchte Ziel der Gegend ist Nova Gorica. Vermutlich standen schon viele von uns ergriffen vor einem grossen Denkmal im Stadtzentrum, welches ein Flugzeug oder einen Vogel mit gespreizten Flügeln darstellt. Es ist das Denkmal, das die Stadt Nova Gorica Eduardo Rusjan gewidmet hat.
 

Eduardo Rusjan wird uns immer wieder in technischen Revuen und geschichtlichen Berichten aus Oesterreich, Jugoslawien und Slowenien in Erinnerung gerufen. Sein Geburtsdatum und das Datum seines ersten Fluges werden mit Flugmeetings, Zeremonien und Manifestationen gefeiert, mit verschiedenen historisch-fotografischen Ausstellungen in ganz Slowenien und in den letzten Jahren auch in Gorizia begangen. Zur Feier von 90 Jahren seit dem ersten Flug ist im Jahr 1999 in Salcano ein Flugzeug mehrere Male unter dem Brückenbogen der Pietra-Brücke hindurchgeflogen, begleitet vom Jubel der Zuschauermenge. Am 1. Juni 2000 hat Albin Novak, ein Konstrukteur und Pilot, dem Publikum sein Flugzeug vorgestellt: eine exakte Kopie der EDA V. Er präsentierte es in einem Flug über den Flughafen von Aidussina. Das Publikum war tief gerührt.

1999 wurde ein neuer Asteroid enteckt, welchem der Name 19633 Rusjan gegeben wurde. 
(Siehe Seite Jet Probpulsion Laboratory - California Institute of Technology der Nasa) und 19633 Rusjan (Wikipedia) )


 
Der folgende Artikel wurde 1979 vom Kommandanten der Alitalia, Fulvio Chanese, während eines Aufenthalts bei Mc Donald Douglas auf Long Beach anlässlich der Überführung einer MD 80 an den Flughafen von Ronchi dei Legionari entdeckt:

 

 
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